Der Eames Lounge Chair – einfach unschlagbar oder längst überholt?

Eames Lounge Chair

Zweifelsohne ist der Eames Lounge Chair eine wahre Ikone. Selbst Billy Wilder – der als erster und größter Fan dieses Sessels gilt – wäre heute wohl überrascht, in welchem Ausmaß der Sessel, den er sich für formschöne Entspannung gewünscht hat, weltweit Furore gemacht hat.

Aber kann das in den 1950-ern von Charles und Ray Eames entworfene Entspannungsmöbel auch den heutigen Anforderungen an Design, Konstruktion und Funktion noch gerecht werden? Gibt es nicht längst andere Modelle, die diesem altehrwürden Klassiker heute den Rang ablaufen?


Designer EamesProdukt: Lounge Chair
Designer: Charles & Ray Eames
Entwurfsjahr: 1956
Hersteller: Vitra


Ein Klassiker im Wandel der Zeit

Die Konkurrenz schläft nicht. Das gilt auch für Designklassiker wie diesen. Möbeldesign befindet sich im ständigen Wandel. Die verwendbaren Materialien verändern sich mit Bezug zur Umwelt. Und durch den technologischen Fortschritt ändern sich auch Fertigungsverfahren und Arbeitsschritte in der Herstellung von Möbeln.

Das Design dieses Lounge Chairs ist unumstritten bis heute eine eigene Liga – das wird von ganzen Designer-Generationen ebenso bestätigt wie von stolzen Besitzern, die vom jungen Pärchen bis ins Ruhestand-Publikum reichen. Unique und zeitlos ist hier wohl die schlagkräftige Kombination, welche dieses Modell seit Jahrzehnten anhaltend HOT! macht.

In der Herstellung und Verarbeitung spielt bei diesem Klassiker bis heute Handarbeit eine große Rolle. Allerdings nicht mangels fortschrittlicher Auffassung, sondern weil in vielen Arbeitsschritten die Handarbeit nach wie vor die beste Wahl für höchste Verarbeitungsqualität und lange Lebensdauer bleibt. Wer übrigens einmal den Herstellungsprozess des Sessels en detail mitverfolgen möchte, kann dies im Lounge Chair Atelier auf dem Vitra Campus in Weil am Rhein tun. In der offenen Werkstatt können Besucher jeden Arbeitsschritt bis zur Fertigstellung mitbegleiten.

Eames Lounge Chair braunAuch funktional ist dieser drehbare Lounger bis zum heutigen Zeitpunkt kaum zu toppen. Einen Sessel mit derartig starken Komfortmerkmalen hat es vor ihm noch nicht gegeben. Und seit seiner Erfindung scheitern Nachahmer daran, ihn zu übertreffen.

Der hohe Komfort ist übrigens vor allem ein Ergebnis der konstruktionstechnischen Meisterleistung von Charles Eames. Allein die von ihm entwickelte und patentierte „Side Flexing Shock Mount“ Technik ist eine bis heute geniale Innovation, die im Inneren des Loungers verborgen liegt.

Diese Shock Mount-Technik hält flexibel bewegliche Möbelelemente (auch wenn sie sehr dünn sind) zusammen, ohne dass sie sich berühren. Also eigenständige Teile die irgendwie miteinander verbunden sind und irgendwie dennoch für sich beweglich bleiben – und zwar auch unter Last. So konnte Eames eine Rückenlehne schaffen, die trotz ihrer Flexibilität auch unter großer Belastung dauerhaft stabil bleibt.

Überhaupt hat Eames mit seinen Entwürfen immer wieder gezeigt, wieviel Energie und Arbeit neben der eigentlichen Designleistung vor allem in die Lösung von konstruktionstechnischen Aufgaben fließt.

Sind Änderungen an Klassikern erlaubt?

Dieser Lounge Sessel des Eames-Paares kann sich also immer noch bestens mit heutigen Klassiker-Anwärtern messen. Trotzdem gibt es auch für ihn Punkte, in denen er auf den Wandel der Zeit reagieren muss. Aber ist es in Ordnung, dass Hersteller die Klassiker einfach verändern und auf die Umstände der aktuellen Zeit anpassen? Ich höre schon die kritischen Stimmen, die sagen „siehste, die lizensierten Hersteller werkeln doch genauso eigenmächtig an den Klassikern rum wie die unlizensierten Nachbauer (Fälscher)!“

Tatsächlich nehmen viele der lizensierten Hersteller über die Jahre mehr oder weniger sichtbare Veränderungen an den Klassikern vor. Allerdings tun sie dies stets nach bestem Wissen und Gewissen und zudem meist in sehr enger Abstimmung mit den Erben / Vertretern der jeweiligen Designer.

Diese weniger auf Eigenmächtigkeit sondern eher auf vertrauensvolle Zusammenarbeit beruhende Pflege von Klassikern lässt sich am Beispiel der Konstellation Eames – Vitra sehr gut erkennen.

Lounge Chair EamesWilli Fehlbaum, Gründer des Schweizer Herstellers Vitra, war in den 1950-ern in New York als er zufällig ein Exemplar der Eames-Stühle entdeckte, welche damals bereits von Herman Miller in den USA produziert wurden. Mit großer Begeisterung für das Eames-sche Design konnte er schon bald die Lizenzrechte zur Herstellung dieser Möbel in Europa erwerben.

Aber nicht nur lizenzrechtlich, auch auf persönlicher Ebene entwickelte sich zwischen dem Paar Fehlbaum und dem Eames-Paar eine sehr enge Verbindung, aufgrund welcher wohl später auch der Nachlass des Designerpaares an Vitra übergeben wurde.

Diese historisch gewachsene enge Verknüpfung und der damit verbundene tiefe Einblick in das Denken und Wirken von Charles & Ray Eames prägt auch heute noch das Hüten und Pflegen der Eames-Klassiker im Hause Vitra.

Kosmetik und Pflege mögen auch Klassiker gern!

Der Lounge Sessel bietet eine große Komfortzone auf kleinem Raum – einfach eine sehr praktische Angelegenheit. Aber ein Manko hat er über die Jahre ungewollt entwickelt: Er entspricht in seinen Originalmaßen einer aus den 1950er Jahren angenommenen Durchschnittsgröße der Menschen, welche mittlerweile jedoch um ca. 10 cm angestiegen ist.

Deshalb produziert Vitra den Lounger mittlerweile in 2 Rückenlängen: Neben der klassischen Höhe von 84 cm kann nun auch eine Variante mit einer Höhe von 89 cm gewählt werden.

Eames Lounge Chair weissAuch Umweltaspekte spielen für Hersteller in der Materialwahl und Verarbeitung eine zunehmend wichtige Rolle, die es zu berücksichtigen gilt. Ursprünglich wurde für die Holzschalen des Lounge Sessels Brasilianisches Palisanderholz verwendet, welches allerdings mittlerweile unter besonderem Artenschutz steht. Deshalb verwendet Vitra heute das ebenfalls sehr edle und optisch sehr ähnliche Santos Palisander als Ersatz.

Die Sitz- und Rückenschalen aus furniertem Formschichtholz stellt Vitra in den klassischen Varianten aus Santos Palisander, Kirschbaum und Nussbaum schwarz pigmentiert zur Auswahl. Als Neuerung können für die „white Version“ die Schalen auch in weiß-pigmentiertem Nussbaum gewählt werden, sowie für die „black Version“ die Ausführung in Esche schwarz.

Weitere Konfigurationsmöglichkeiten

Neben den Holzschalen können auch die Lederbezüge und das Untergestell auf individuelle Wünsche angepasst werden:

Das Untergestell bildet einen drehbaren Sternfuß aus Aluminium Druckguss. Der Fuß kann als verchromte Version, als Aluminium poliert oder als Aluminium poliert mit schwarzen Seiten gewählt werden. Je nach hartem oder weichem Boden können für die Füße des Untergestells die passenden Gleiter ausgewählt werden.

Die abnehmbaren Bezüge stehen in Leder Premium oder Leder Grand zur Auswahl. Beide Ledervarianten können in den Farben Nero, Chocolate, Snow oder Braun gestaltet werden.

Zum Lounge Sessel gehört ein Ottoman in entsprechend gleicher Konfiguration für Bezug, Holzschale und Fuß. Die meisten Anbieter, die ich kenne, lassen ihren Kunden übrigens die Wahl, ob sie den Ottoman gleich mitbestellen, später kaufen oder ganz weglassen.

Lounge Chair Qualität

Herman Miller steht auf anderen Füßen

Außerhalb von Europa und dem mittleren Osten hat Herman Miller – Eames-Produzent der ersten Stunde – als einziger weiterer Hersteller weltweit die Lizenz zur Herstellung dieses Lounge Sessels. Das Untergestell ist in seinen Auslegern übrigens bei Herman Miller etwas wuchtiger.

Falls also jemand mal einen dieser Sessel gebraucht kaufen möchte und irritiert ist, dass der Fuß anders aussieht, muss es sich nicht gleich um eine Fälschung handeln sondern wahrscheinlich um ein Miller-Modell. Zur Absicherung würde ich mir dennoch vom Anbieter der gebrauchten Möbel nachweisen lassen, dass es sich um ein Original-Möbel handelt.

Eames Lounge Chair klassisch

Entstehung des Lounge Chairs – vom Gegenteil inspiriert

Der gute alte englische Clubsessel hat so manchen Designer für völlig neue Ansätze inspiriert. Nicht nur Le Corbusier nahm ihn als „Kontra-Exemplar“ für seine LC-Serie. Auch Charles Eames fand später in den 1950-ern in dem leicht angestaubten Clubsessel seinen Ansporn, um einen moderneren Ersatz für ihn zu finden, der weniger wuchtig eine schlichte Eleganz ausstrahlt und darüber hinaus auch noch bequemer ist.

Erst durch diese Gegenentwürfe von z. B. Le Corbusier und Eames veränderte sich langsam die Definition für Komfort in den Köpfen der Menschen, welche bisher auf wuchtige, klobige Polstermöbel festgelegt war.

Mittlerweile sind wir längst daran gewöhnt, dass modernes, leichtes Design mit größtem Komfort kombiniert werden kann!


Wie ist deine Meinung zu diesem Eames-Klassiker? Schreib mir gern einen Kommentar, auch wenn du Fragen hast!

photo credit: chrisjagers via photopin cc
Fotos via vitra.com

 

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6 Comments

  1. Hi Vera, komfortabel und ebenso schön zugleich ist immer noch die beste Kombi! Ich mag diesen Lounge Sessel in der klassischen Variante immer noch am liebsten, würde perfekt bei uns ins Wohnzimmer passen, mal sehen wann das was wird!

    • Hallo Daniella, danke für deine Nachricht, ja die Klassiker sind klassisch oft immer noch am besten, wobei die neue weiße Version find ich schon auch ziemlich klasse!

    • Hallo Sarah, danke für deine Nachricht, ja wirklich, dieser Klassiker wird wohl nie übertroffen werden können!

  2. Hey, ich bin totaler Fan von diesem Lounge Sessel, hab ihn schon seit Jahren im Visier und werde ihn mir früher oder später gönnen! Schöne Website:-)

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