Die jungen Wilden: 5 Gründe, warum der Thonet 404 so beliebt ist

Thonet 404

Der Thonet 404 wird als Nachfolger des legendären Kaffeehaus-Stuhls gefeiert. Aber ist er wirklich ein Nachfolger des über 150 Jahre alten Klassikers? Oder doch vielmehr eine ganz eigene, neue Kategorie des Designers Stefan Diez für einen gebogenen Holzstuhl?


Designer Stefan DiezProdukt: 404
Designer: Stefan Diez
Entwurfsjahr: 2007
Hersteller: Thonet


Junge Designer haben es nicht leicht. Die genialen Entwürfe ihrer weltberühmten Vorgänger wirken beinah wie eine Erblast auf ihre Kreativitätsprozesse. Statt ein weißes Blatt Papier zur freien Entfaltung nutzen zu können, tanzen ihnen unzählige Prägungen und Eindrücke früherer Werke durch die Synapsen, während sie ihren einzigartigen, nie dagewesenen Entwurf zu Papier bringen wollen. Aber sind solche Vorprägungen immer eine Beeinträchtigung für junge Designer?

Ganz und gar nicht, wie der Designer Stefan Diez – mittlerweile schon eher ein alter Hase unter den Nachwuchs-Designern – eindrücklich zeigt. Sein 404-Stuhl lässt die Herzen von Experten und Designfans reihenweise höher schlagen. Die Top 5 Gründe für den Erfolg seines Modells 404 schauen wir uns jetzt einmal genauer an.

1. Bequeme Version einer Bugholz-Legende

Bugholz steht für das Biegen von massivem Holz, mit welchem Thonet am Beispiel des berühmten Kaffeehaus-Stuhls Nr. 14 die Ära der industriellen Fertigung von Stühlen eröffnete. Aber der Stuhl, welcher übrigens als das meist produzierte Sitzmöbel der Welt gilt, hat ein Manko: Er ist nicht von der bequemsten Sorte.

Thonet 404 schwarzUnd genau an diesem Komfort-Punkt setzt Diez 2007 mit seinem 404-Modell an. In punkto Convenience hat er seinen Stuhl so weit perfektioniert, dass er zwar immer noch wie ein Stuhl aussieht, aber vom Sitzerlebnis eher einem Sessel gleich kommt.

Möglich wird das bequeme Sitzen vor allem durch die geschwungene Form des Sitzes, welcher zu den Seiten durch einen Schwung nach oben Halt gibt. Zur vorderen Seite senkt sich der Sitz angenehm nach unten ab, sodass keine unbequeme Kante die Durchblutung der Beine stören kann.

Und auch im Rücken tut sich Komfort auf, weil die körpergerechte Form der Rückenlehne ein bequemes Anlehnen in verschiedenen Sitzpositionen bietet und zudem noch angenehm nachfedert.

2. Technische Finesse: Bugholz-Erbe in Plywood Zeitalter übertragen

Thonet 404 KonstruktionMit dem technologischen Wandel ändern sich auch Herstellungsverfahren. Statt des klassischen Bugholz-Verfahrens setzt Diez geformtes Sperrholz und Schichtholz ein und markiert damit einen Meilenstein in der Bugholz-Transformationsgeschichte. Mit Formsperrholz bildet er die Sitzfläche und Rückenlehne. Die Holme für den Rücken sowie die Stuhlbeine sind aus Schichtholz gefertigt.

Ein markantes Merkmal seines Stuhls ist der Knoten, den Beine und Rückenteil ganz ohne Zarge oder Verschraubung unter der Sitzfläche bilden.

Technisch besonders raffiniert ist auch die Sitzfläche: Das Formsperrholz bildet in der Mitte der Sitzfläche einen verstärkten Durchmesser, welcher zu den geschwungenen Rändern deutlich reduziert abnimmt.

3. Konstruktives Design mit ausgeprägtem eigenen Charakter

Das konstruktive Design dieses Stuhls erzeugt einen hohen Wiederkennungswert. Die Linienführung zeigt einen markanten, selbstbewussten Charakter.

Konstruktion und Design bilden eine perfekte, harmonische Einheit. Einerseits nehmen die weit ausgestellten Beine Raum ein, andererseits ergibt die geschwungene, offene Form von Beinen, Sitz und Rückenlehne eine luftig-leichte Optik.

An diesem Stuhl ist prima zu erkennen, dass das alte Gesetz von Funktion-folgender-Form an Aktualität und Bedeutung nicht verloren hat. Auch die Designer der heutigen Zeit folgen diesem Muster. Und dieser Stuhl zeigt, dass ein sich ständig wiederholendes Muster sehr unterschiedliche, voneinander unabhängige Design-Linien hervorbringen kann.

4. In der Stellprobe sehr geschmeidig

Das was wir bei alten Klassikern lieben, kann dieser Klassiker-Anwärter auch: sich unheimlich geschmeidig in verschiedene Einrichtungsumgebungen einfügen. Trotz seiner extravaganten Eleganz gehört er in die Kategorie zeitlos und damit zu den dankbaren Einrichtungsgegenständen.

Thonet 404 ArmlehnenIn der Bühnensprache würde man wohl sagen, dass dieser bequeme Stuhl ein großes Repertoire spielen kann – Solokünstler oder Chor, Vordergrund oder Hintergrund, laut oder leise.

Wer bereits andere Klassiker hat, wird den 404-Stuhl damit gut kombinieren können, er kann puristische Umgebungen ebenso gut ergänzen wie etwas verspieltere. Ein echter Verwandlungskünstler eben, der – unabhängig von der Umgebung – nie seine eigene ausdrucksstarke Aura verliert.

5. Viele Konfigurationsmöglichkeiten

Für diesen Stuhl stehen viele Konfigurationsmöglichkeiten zur Auswahl, wodurch er noch besser an individuelle Wünsche und räumliche Gegebenheiten angepasst werden kann.

Wer den 404 als Variante mit Armlehnen lieber mag, findet ihn unter dem Modell 404 F. Wenn es z. B. um die Bestuhlung eines Esszimmer-Tisches geht, macht sich oft auch ein Mix gut – z. B. vor Kopf mit Armlehnen, an den langen Seiten ohne.

Farblich gibt es von dezent bis kräftig eine ganze Reihe von Auswahlmöglichkeiten. Wer es peppig mag kann ihn z. B. auch in RAL-Tönen wie zitronengelb, violett oder olivgrün einsetzen. Dann sollte allerdings die restliche Farbgebung des Raumes (Möbel, Wände, Böden) nicht zu farbenfroh sein, sonst kann es schnell zu unruhig werden.

Eher klassisch gibt es ihn zusätzlich in Buche natur, gebeizt oder weiß lasiert. Verschiedene Naturtöne stehen ebenso zur Auswahl wie z. B. auch ein Schwarzton. In den klassischen, nicht zu aufdringlichen Farben und dank seiner hochwertigen Verarbeitung kann der Stuhl über viele Jahre zeitlos chic zur Geltung kommen und vor allem richtig bequem genutzt werden – auch für laaaange Abende:)

Thonet 404 weiss

Für mich ist der 404-Stuhl ein Paradebeispiel dafür, dass die über Jahrhunderte angesammelte Design-Vielfalt nicht immer eine Erblast für Kreative sein muss. Pfiffige Designer wie Stefan Diez lernen aus den Entwürfen ihrer Vorgänger. Nicht, indem sie sie einfach kopieren, sondern indem sie deren Stärken und Schwächen mit einbeziehen und mit ihren eigenen frischen Visionen, kluger Materialwahl und einer Verarbeitung nach neuestem technischen Stand zusammenbringen.

So entstehen neue Generationen von neuen Klassikern, die die Design-Geschichte wiederum reicher machen und weitere Nachwuchs-Generationen inspirieren können.

Wie siehst du diesen Stuhl-Klassiker? Wie immer freue ich mich auf deinen Kommentar und beantworte auch jederzeit deine Fragen sehr gerne!

Fotos via thonet.de

 

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6 Comments

  1. Hallo, nette Website und guter Artikel über den 404-Stuhl, der eine gute Mischung von stylisch und bequem hergibt. Ich finde den alten Kaffeehaus-Stuhl ja auch irgendwie kultig aber es stimmt schon, besonders bequem ist der nicht;-) Peter

    • Hallo Peter, danke für dein Feedback! Der Kaffeehausstuhl ist wirklich kult und mit Kissen auch was für länger sitzen;-) Und rund um die Welt sieht man ihn immer noch als Klassiker in Cafés!

  2. Schön mal etwas über junge Designer zu lesen, die gehen ja manchmal etwas unter bei dem ganzen Bauhaus-Hype;-) Der Stuhl ist echt klasse!

    • Hallo Daniela, danke für deine Nachricht, ja bei den vielen tollen alten Stücken übersieht man manchmal die neue Welt… ich hoffe, dass ich auf Dauer für beide Bereiche gute Infos liefern kann:)

  3. Ich war gerade auf der Suche nach ein paar Hintergrund Infos zu diesem Stuhl – jetzt habe ich sie gefunden:) Schätze der wird´s wohl werden bei uns am Esstisch, danke!

    • Ja schön, dann freu ich mich dass die Infos für die hilfreich waren, und schön ein Foto schicken, gell?:)

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